Daniel Craig: Vom Proleten zum Weltstar

Jan-Christopher Sierks Verfasst von:

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Hinweis: Dieser Artikel stammt aus dem persönlichen Archiv des Autors und wurde bereits in Printmagazinen veröffentlicht.

Casino-Boykott. Als die Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli im Oktober 2005 bekannt gaben, dass Daniel Craig die Rolle des legendären britischen Geheimagenten James Bond in der Episode „Casino Royale“ übernimmt, verbreitete sich in der Bond-Fan-Gemeinde ein Sturm der Entrüstung, auf den schnell alle Boulevard-Medien aufsprangen.

Ausgerechnet einer der Top-Männer der Welt, der sich seit 1995 als Pierce Brosnan die Frauen zu Füßen und weiter aufwärts zurecht legte, sollte von einem Blondie verkörpert werden, der in seinen vorigen Rollen meist nicht die Welt sondern eher die Ganovenehre rettete. Die Website craignotbond.com rief zum Boykott des Films auf war eine der harmloseren Anti-Huldigungen, musste der neue Agent doch viel Spott unter der Gürtellinie einstecken und wurde jeder seiner Schritte hämisch kommentiert.

Daniel Craig entspräche nicht den Vorgaben des Originals von Ian Fleming. Der Spitzname „James Bland“ (bland = langweilig) machte die Runde. Craig wusste um die Bedeutung der Besetzung und nahm solche Verbalangriffe in Kauf, wurde sein Bekanntheitsgrad vorher als „der Ex von Kate Moss“ und nicht durch schauspielerische Leistungen definiert. Doch die liefert der Mann mit den strahlend blauen Augen ohne Zweifel.

Eva Green, Daniel Craig, Caterina Murino
Eva Green, Daniel Craig, Caterina Murino

Der Sohn eines Arbeiters und einer Kunstlehrerin wurde in Chester, im Nordwesten Englands, geboren. Sein Stiefvater, der Künstler Max Blond, gab ihm während der kalten Thatcher-Ära im tristen Liverpool Impulse für die schöpferischen Dinge des Lebens. So schmiss Craig die Schule und ging mit 16 nach London, wo er sich dem „National Youth Theatre“ anschloss. Später folgte eine Schauspielausbildung an der renommierten „Guildhall School of Music and Drama“, wo unter anderem Ewan McGregor sein Können übte.

Die Filmkarriere des Daniel Craig startete 1992 mit einer Nebenrolle im Drama „Im Glanz der Sonne“. Nach dem TV-Durchbruch mit der Serie „Our Friends in the North“ im Jahre 1996, folgten Kino-Produktionen wie „Elizabeth“ (1998), „The Trench“ (1999) und kommerzielle Schlager wie „Lara Croft – Tomb Raider“ (2001). Für seine Darstellung eines Mannes, der eine Beziehung mit seiner Schwiegermutter in spe beginnt, wurde Craig für den Publikumspreis des europäischen Filmpreises 2005 nominiert. Es folgten „Layer Cake „ (2004) und „München“ (2005) von Steven Spielberg. Und nun in „Casino Royale“ ist Daniel Wroughton Craig der neue Bond. Als viel zitierter Nachfolger von Connery, Lazenby, Moore, Dalton und Brosnan aus 20 Bond-Streifen.

Noch keiner hat den neuen Bond in Aktion gesehen und doch scheiden sich an ihm die allgemeinen Geister. Besitzt er den Sexappeal, den Humor und die Schlagfertigkeit der Best of Bond Galerie? Vor allem – kann er bei Pierce Brosnan mithalten? Brosnan ist ein cooler Typ – als Brosnan. In der Bond-Rolle durfte Brosnan nicht so sein, wie die legendären Vorgänger. Als Nichtraucher und Nichtsäufer, der sich maximal in politisch korrekten Scherzen versuchte und keine schweinische Pointe mehr raus haute, wenn er die internationalen Elite-Girls vernaschte, wirkte „PB“ wie eine Safer-Sex-Variante aus dem Hause MGM.

Zudem frage ich mich, ob es für einen Doppelnull-Agenten überhaupt etwas Schlimmeres gibt, als einen BMW Z3 zu fahren; wie Brosnan es den Zuschauern in „Golden Eye“ im Stile eines Konzern-Repräsentanten verkaufen musste… Er war gut und passte in seine Zeit, aber in einem neuen Film hätte es kaum schlimmer kommen können. Gut, der brustrasierte Daniel Craig muss nicht nur gegen das Standing des brustbehaarten Brosnan bei den Ladies ankämpfen, er trägt als zweiter Engländer überhaupt in der Rolle des britischen Vorzeigeagenten eine doppelt schwere Bürde.

Aston Martin DBS, James Bond, Casino Royale
Aston Martin DBS, James Bond, Casino Royale

Die Sache mit Bond ist die, dass jeder Schauspieler, der die Rolle bisher spielte, seinen eigenen Stil in sie einbrachte und einen eigenen Abdruck hinterließ. Connery war Super-Connery. Moore war Style-Moore. Und Brosnan war irgendwie Safer-Sex-Brosnan. Das mit den Damen hat Daniel Craig bereits ad acta gelegt. Die Liste seiner privaten Eroberungen liest sich wie die weibliche Gästeliste einer Oscar-Verleihung: Kate Moss, Angelina Jolie, Heike Makatasch, Sienna Miller plus weitere offiziell unbestätigte Promi-Chicas… Die schriftliche Bestätigung, dass der in vielen Kreisen als Prolet gehandelte Craig die bond-notwendige Wirkung auf das attraktive Geschlecht von Haus aus mitbringt. Wird Bond durch Craig nun ein Prolet?

Die Dreharbeiten zur Produktion finden in Tschechien, auf den Bahamas, in Italien und natürlich in England statt. Dass Craig sich auf den Bahamas nach zwei Tagen einen Sonnenbrand zuzog, sorgte nicht nur bei Bond-Girl Eva Green für ein Grinsen. Aber seien wir doch ehrlich: 99% aller Engländer bekommen rote Haut mit Hitzepickeln, sobald sie sich südlich vom Big Ben aufhalten. Soweit also nicht dramatisch. Ein größerer Fauxpas war da die berühmte Schwimmweste bei der ersten Pressekonferenz. Craig wurde standesgemäß in einem Boot über die Themse eingeschwommen, um sich der Weltpresse in Londoner Heimatmosphäre souverän als Agent aller Agenten vorzustellen.

Craigs unsicherer Ausstieg aus dem Boot und das Tragen einer Schwimmweste ging fotografisch festgehalten um die Welt. Der Tenor „Kann ein Nichtschwimmer die Welt retten?“, sorgte vom ersten Tag an für Unmut. Umgehende Schützenhilfe bekam Daniel Craig von den alten Helden Sean Connery und Roger Moore. Sie wissen um den besonderen, mit enormen Druck verbundenem Status und appellierten an die Fairness, ihn es doch wenigstens versuchen zu lassen.

Und so durfte Craig das Pokern erlernen. Dafür wurde der britische Poker-Millionär John Duthie, der als einer der besten Bluffer gilt, eingeflogen, um die Filmcrew samt Darsteller in einem Hotel in Berlin zu treffen. In einer Schlüsselszene soll 007 einem Schurken mit einem eiskalten Bluff das Vermögen abnehmen. Die „Sun“ (ich zitiere sie ungern aber hier passt es einfach perfekt) gab Craig ein paar hilfreiche Hinweise mit auf den Weg:

Aston Martin DBS, James Bond, Casino Royale
Aston Martin DBS, James Bond, Casino Royale

„Versuche nicht, die Chips zu essen – sie sind nicht aus Kartoffeln, sondern aus Plastik.“ Und: „Wenn Du merkst, dass Du nur Bilder-Karten auf der Hand hast, rufe nicht laut Bingo.“ Craig hatte vorher für Unverständnis bei der Produktionsfirma gesorgt, als diese ein Defizit an seinen Poker-Grundkenntnissen herausfand. Er könne einen „Royal Flash“ nicht von einem „Full House“ unterscheiden. Umbauten an den Fahrzeugen gab es dann auch noch auch obendrauf.

Weil Craig große Probleme hatte, den extra für die Dreharbeiten angefertigten, neuen Aston Martin DBS und einen klassischen DB5 zu steuern, blieb den Jungs aus Gaydon auf Anweisung von Aston-Chef Bez nichts anderes übrig, als auf Automatikgetriebe umzurüsten. Nicht schlimm, so meine ich. Jeder würde lieber einen Aston mit Automatik fahren, um sich so mehr auf Schönheit und Eleganz des Autos konzentrieren zu können, als mit einem Z3 oder 750iL die Bösen zu jagen.

By the way – ohne die neuen Schaltgetriebe, die in Karossen dieses Preissegments meist mit Schaltpaddeln am Lenkrad gepaart sind, hätte das Luxussegment nie die aktuellen Absatzzahlen erreicht. Viele finanzkräftige Fahrzeugliebhaber halten sich nicht gerne damit auf, den richtigen Druckpunkt einer schwergängigen Kupplung zum Anfahren zu finden. Warum sollte das bei einem Mann von Welt wie James Bond anders sein?

Daniel Craig lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Der schauspielerische Ehrgeiz brachte ihn damals von Liverpool nach London, einen bei Regisseuren etablierten Namen und die Hauptrolle als James Bond. Dieser Ehrgeiz zeichnet ihn aus. Er dreht viele Stunts selbst und die Liste seiner positiven Eigenschaften ist laut Set-Beobachtern weitaus größer als die ein, zwei Ausrutscher, über die ein normaler Endverbraucher höchstens Schmunzeln kann. Und die ein hölzener Prolet, wie Craig oft dargestellt wurde, nicht liefern würde.

Daniel Craig, James Bond, 007, Casino Royale
Daniel Craig, James Bond, 007, Casino Royale

Diese Rolle ist die Chance seines Lebens, in hundert Jahren in einem Atemzug mit Sean Connery und Roger Moore genannt zu werden. Deswegen ist Craig konzentriert und sehr zurückhaltend, was seine Äußerungen angeht. Vielmehr als diese ist ihm nicht zu entlocken: „Der Bond-Film wird ein anderer werden. Es ist eine völlig neue Herangehensweise. Aber es ist natürlich eine Menge James Bond drin.“ Die Statements sind nicht aussagekräftig, lassen allerdings erahnen, dass Craig wie in der Vergangenheit durch Leistung und nicht durch Worthülsen glänzen wird.

„Wie kann ein kleiner blonder Schauspieler mit dem zerknautschten Gesicht eines Preisboxers die Rolle eines großen dunkelhaarigen Geheimagenten bekommen?“, fragt ein Kritiker. Die Antwort gibt Dan Taylor, Präsident bei MGM, höchst persönlich: “Alle bei uns sind sehr glücklich, dass Daniel Craig, ein Schauspieler von solchem Format, als nächster Bond ausgewählt wurde. Wir sind davon überzeugt, dass „James Bond 007: Casino Royale“ der erfolgreichste Bond-Film aller Zeiten wird.“

Und wenn Daniel Craig die Bond-Rolle mit der richtigen Mischung aus Ehrlichkeit und dem Reiz des Einfachen verkörpert – simpel gesagt tough und trotzdem sexy – werden die Spötter verstummen. Ich glaube an die neue Besetzung und daran, dass Craig ein Bond von entscheidender Bedeutung ist. Er wird ein Weltstar werden. Und er ist kein Prolet.

Denn die cleverste Maßnahme aller Bond-Produktionen, nämlich die Rolle gerade eben mit Daniel Craig zu besetzen und so knallhart kalkuliert für unbezahlbares Marketing über einen lang anhaltenden Zeitraum zu verfügen, hat der Boss Dan Taylor bereits jetzt in die Tat umgesetzt. Trotz Casino-Boykottes.

Fotos: Sony Pictures (3), Aston Martin (2)

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