AMG mit 1.169 PS, kein Auspuff und ein erfundenes Geräusch. Herzlichen Glückwunsch! Gut, fangen wir erstmal mit den Fakten an, bevor ich die Fassung verliere.
Mercedes-AMG hat ein Auto gebaut. Elektrisch. 1.169 PS. Null auf hundert in 2,1 Sekunden – gemessen im sogenannten Rollout-Verfahren. Also jener Messmethode, bei der das Auto bereits rollt, bevor die Uhr ernsthaft mitzählt.
700 Kilometer Reichweite nach WLTP, was in der Praxis bedeutet: etwas weniger, wenn man die Heizung benutzt und bergauf sowie schnell fährt. Und es lädt mit neuestem Kilowatt-Zeugs. Bestimmt auch sogar noch schneller, als ein Verbrenner tankt.
Schneller, ehrlich gesagt, als die meisten Menschen wohl ihren Kaffee trinken. Jetzt zum Rest.
Zu viel Show, zu wenig Zurückhaltung
Schauen Sie sich das Ding an. Einfach mal durchhalten und anschauen. Die Front sieht aus wie von einem Besitzer, der beim ersten Date ungefragt den Preis seiner Uhr kommuniziert und seinen Kontostand vorliest – und dabei noch erwartet, dass man das charmant findet.
Und sorry, ja, ich habe Ihnen die Vorderansicht oben im Close-Up gegeben. Sie können schnell noch die Sonnenbrille herausholen für das Lesen. Der Panamericana-Grill wurde offenbar genommen, gründlich neu interpretiert und anschließend mit erstaunlichem Selbstvertrauen in Produktion geschickt.
Irgendwo zwischen Anime-Endgegner, Hotellobby-Skulptur und dem Wunsch, auf keinen Fall übersehen zu werden, hat jemand gesagt: „Ja. Genau so. Freigabe.“ Da muss jemand sehr überzeugt gewesen sein. Oder sehr massiv überzeugend.
Das Heck. Sagen wir so: Es verlangt ein gewisses Maß an Offenheit. Es wirkt, als hätte das Styling-Team nach drei Wochen an Überstunden und zehn Flaschen Rotwein pro Abend die verbundenen Augen abgenommen und Feierabend gemacht.
Von hinten kommt das Fahrzeug ungefähr so kohärent rüber wie ein Coupé, ein Kombi und eine futuristische Konzeptskizze, die versehentlich gleichzeitig ernst genommen wurden.
Peinlicher geht’s kaum. Oder doch?
Jetzt zu dem Teil, bei dem ich kurz tief durchatmen muss. Denn das Auto macht mit Fake-Sound auf dicke Welle. Ein künstlich erzeugtes Motorgeräusch. Bei Instagram können Sie es hören. Oder erleben. Tipp: Blutdruck-Pille vorher nehmen.
In einem Fahrzeug mit elfhundert neunundsechzig Pferdestärken. Man hat sich also hingesetzt, ernsthaft überlegt und dann entschieden: Wir bauen das brutalste Elektroauto der Unternehmensgeschichte – und verpassen ihm den akustischen Auftritt mit etwas, das eher nach Röhre klingt als nach Affalterbach.
Das ist nicht mutig und das ist nicht innovativ. Das wirkt ein wenig so, als würde ein Elektroauto krampfhaft versuchen, jemand anderes zu sein.
Frühere AMGs zeigten mit ihrem Sound: „Ich komme.“ Dieses hier vermittelt mit seinem erfundenen Geräusch: „Bitte, guck mich an. Ich versuche es doch auch.“

Für wen, um Himmels willen?
AMG hat mal Luxusautos für Menschen gebaut, die schnell fahren wollten und dabei Lärm liebten. Dann kamen die, die schnell fahren wollten und dabei diskret aussehen wollten. Dann kamen die gesponserten Influencer und andere nicht gerade positiv wirkende Markenbotschafter.
Jetzt hat man anscheinend beschlossen, ein Auto zu bauen, das elektrisch fährt, aussieht als wolle es jeden im Raum dominieren, klingt wie eine Tonkonserve aus dem Zubehörhandel und dafür einen Preis aufruft, bei dem normalen Menschen die Knie weich werden.
Die Zielgruppe? Vermutlich jemand, dem ein Porsche Taycan zu billig ist, ein Tesla zu amerikanisch, ein Chinese zu chinesisch und ein echter AMG zu ehrlich.
Nichts sagender Bekannter
Ironie on. Das Ding hat bei der Hochgeschwindigkeit von 300 km/h bestimmt die Ausdauer eines Langstreckenläufers, lädt in einer Zeit, in der andere noch die Tankkarte suchen, und fährt technisch gesehen Kreise um alles, was vier Türen und keinen Stern hat. Ironie off.
Aber irgendwo auf dem Weg von „Idee“ zu „Elektroprodukt“ hat jemand entschieden, dass das offenbar nicht reicht. Dass man noch mehr wollte. Mehr Kante und mehr Gesicht. Und viel mehr Sound, den niemand in so einem Elektroauto braucht.
Tatsächlich für echte Luxuskunden, die den Ritt auf einem Akku so anziehend finden, wie Schleiereulen helles Licht. Das Ergebnis ist ein Auto, das erschöpfend ist. Wie ein sehr reicher Bekannter, den man dreimal im Jahr sieht – und einmal zu oft.
Weil er immer zu laut redet und eigentlich überhaupt nichts Cooles zu sagen hat…
Sierks Media / Shots Magazin / © Fotos: Mercedes-AMG, Mercedes-Benz Group
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